{"id":2350,"date":"2023-06-22T16:19:29","date_gmt":"2023-06-22T16:19:29","guid":{"rendered":"http:\/\/anselmofox.de\/?post_type=arbeiten&#038;p=2350"},"modified":"2025-12-25T14:58:40","modified_gmt":"2025-12-25T14:58:40","slug":"atem-komprimiert","status":"publish","type":"arbeiten","link":"http:\/\/anselmofox.de\/en\/arbeiten\/atem-komprimiert\/","title":{"rendered":"Breath, compressed"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-text-align-justify\"><strong>AF:<\/strong> \u2026Ich habe in den fr\u00fchen 1990ern damit begonnen, Kauk\u00f6rper abzuformen. Kaugummiblasen sind oftmals sehr anf\u00e4llig. So war bereits beim Blasen der Kaugummis auf verschiedene Einfl\u00fcsse zu achten. Beispielsweise musste ich die Temperaturdifferenz zwischen K\u00f6rper und Au\u00dfen ber\u00fccksichtigen und auch gegen den Wind blasen, um mit hohem Druck m\u00f6glichst viel Material mit der Blase auszuatmen. Gl\u00fccklicherweise verf\u00fcge ich als Trompetenspieler \u00fcber eine Atemtechnik, die mir dieses sportliche Unternehmen erm\u00f6glichte. Zur weiteren Verarbeitung mussten die ca. zwei Faust gro\u00dfen Kaugummiblasen, die immer auch einen anatomisch sehr genauen Abdruck des fragmentarischen Gaumens zeigen, einen Test durchlaufen, der darin bestand, dass sie den Fall aus etwa 2 m H\u00f6he schadlos \u00fcberstehen. Mit diesem Test haben sich das Druckverh\u00e4ltnis zur Beschaffenheit der Membran als ausgeglichen und die Kaugummiblasen als Plastik best\u00e4tigt. Erstaunlicherweise erf\u00fcllten diesen Test viele der Kaugummiblasen, die mit der t\u00fcrkischen Kaumasse geblasen wurden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/anselmofox.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/FOX_41_atem_komprimiert_gr_kb_radiografie_scan_geschnit_2020-766x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3761\" width=\"826\" height=\"1104\" srcset=\"http:\/\/anselmofox.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/FOX_41_atem_komprimiert_gr_kb_radiografie_scan_geschnit_2020-766x1024.jpg 766w, http:\/\/anselmofox.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/FOX_41_atem_komprimiert_gr_kb_radiografie_scan_geschnit_2020-224x300.jpg 224w, http:\/\/anselmofox.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/FOX_41_atem_komprimiert_gr_kb_radiografie_scan_geschnit_2020-768x1027.jpg 768w, http:\/\/anselmofox.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/FOX_41_atem_komprimiert_gr_kb_radiografie_scan_geschnit_2020-1149x1536.jpg 1149w, http:\/\/anselmofox.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/FOX_41_atem_komprimiert_gr_kb_radiografie_scan_geschnit_2020-9x12.jpg 9w, http:\/\/anselmofox.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/FOX_41_atem_komprimiert_gr_kb_radiografie_scan_geschnit_2020.jpg 1346w\" sizes=\"(max-width: 826px) 100vw, 826px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption translation-block\"><strong><em>Breath, compressed<\/em><\/strong>, Anselmo Fox, 1999, 18 x 24 cm, radiography of a chewing gum bubble, pigment print.<br> <br>Photo: Anselmo Fox<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-justify\">Die Form wurde durch verschiedene Faktoren generiert. Entscheidend war das Verh\u00e4ltnis zwischen den gegens\u00e4tzlichen Eigenschaften, n\u00e4mlich der Komprimierung des Atems und der Dehnbarkeit der Kaumasse. Temperaturunterschiede wirkten auf den Schmelzvorgang der Kaumasse, der Atemdruck dynamisch auf die Formwerdung. Atem, komprimiert, eine Arbeit aus dem Jahr 1999, zeigt eine solche Kaugummiblase, die r\u00f6ntgenfotografisch aufgenommen wurde (siehe oben: <em>Breath, compressed<\/em>). Deutlich lassen sich die unterschiedlichen Materialdichten der Membran als Resultat eines Ausatmens erkennen, das sich als Spur der Dringlichkeit und der zunehmenden Verdinglichung ausdr\u00fcckt. Mit dem Licht expandiert das Beatmete und dehnt die Opazit\u00e4t der gebissenen Masse aus. Es ist eine Art Exstase der Kaumasse, die das Beatmete mit den Eigenschaften weich, prall, gepr\u00e4gt versieht und sich bereits als vor\u00fcbergehende Form ank\u00fcndigt, deren Platzen \u2013 plopp \u2013 sp\u00e4ter syn\u00e4sthetisch erfahrbar wird.<br>Das R\u00f6ntgen ist ein bildgebendes Verfahren, das mit einem konventionellen Schwarz-Wei\u00df-Film operiert. Energiereiche Wellen werden im Vakuum der Kathodenstrahlr\u00f6hre erzeugt, durchdringen das dar- zustellende Gewebe und den Film in der Kassette, bevor sie auf dort angebrachte Folien treffen. Die energiereichen Wellen regen diese fluoreszierenden Folien (siehe: https:\/\/www.radiologie.de\/untersuchungsmethoden-im-uberblick\/konventionelles-rontgen\/grundlagen-und-technik\/) an und erzeugen ein mehr oder weniger starkes Nachleuchten, das den Film belichtet.<br>Hohe Dichten zeichnen hell. Niedrige Dichten, wie etwa Luftkammern, werden verschattet dargestellt. So interpretiert das medizinische Auge die R\u00f6ntgenbilder entgegen der Erfahrung des klassischen Lineamentes, das den menschlichen K\u00f6rper durch verschattendes Schraffieren plastisch zur Darstellung bringt. <em>Breath, compressed<\/em> wurde mit einer sehr geringen Dosis Millisievert durchschossen. Das Beatmete stellt sich als durchgezeichnetes Gebiet und dinglich erschlossenes Material dar. Es scheint kein bildliches Leck preiszugeben. Das best\u00e4tigt die Anwesenheit einer Inspiration, auch wenn sie durch ein atemloses Bildverfahren visualisiert wurde. Das Binnenlicht weckt den Ein- druck einer Petrifizierung oder pneumatischen Verkn\u00f6cherung und doch scheint das Beatmete mit einem geringen Auftrieb zu schweben. Beg\u00fcnstigt wird dieser Eindruck durch das Raster von Linien und Kerben, die der maschinelle Transport durch die Entwicklungsstra\u00dfe hinterlassen hat und dessen Laufrichtung nun die Vertikale des Bildes bestimmt.<br><em>Breath, compressed<\/em> stellt den menschlichen K\u00f6rper als leiblichen Prozess des Sich-Befindens dar. Dabei wird das Ausatmen bewusst stark durch seine Komprimierung mit der z\u00e4hen Ausdehnung der Kau- masse verz\u00f6gert. Dringlichkeit und Dr\u00e4ngen vereinen sich in dem kraftvollen und doch so fragilen Prozess der Selbstbeschreibung einer sich ank\u00fcndigenden Atemlosigkeit. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Komprimierung und Ausdehnung charakterisiert den Schauplatz als pneumatisches, aber auch pulmologisch aufeinander wirkendes System von Atmosph\u00e4re, Stofflichkeit und Leib. Es ist nicht von ungef\u00e4hr, dass sich <em>Breath, compressed<\/em> nicht nur metaphorisch dem Spannungsverh\u00e4ltnis von Leere und F\u00fclle assoziiert, sondern auch Medien einsetzt, die das Vakuum wie auch die atmosph\u00e4rische Bewegung faktisch nutzen. <br>Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Binnenlicht das bildgebende Medium des Atems als formgebendes Material best\u00e4tigt. Betrachtet man die Blase vom Standpunkt ihrer Entstehung, ist sie ein durch den Atem ersetzter und ins \u00c4u\u00dfere ausgedehnter Abdruck der Zunge. Darauf folgt eine ganz eigenartige und verz\u00f6gerte Laut- und Sprecherzeugung \u2013 das Ploppen beim Platzen der Membran. Atem, komprimiert war mir eine gute Vorbereitung f\u00fcr das Glasblasen. <br>Meine anf\u00e4nglichen Arbeiten \u00fcbersetzten den Kaugummi durch die Wahl eines Kunststoffes in eine herk\u00f6mmliche Plastik. Die Entkernung der Kaugummiblase w\u00e4hrend des Atmens hat f\u00fcr mich ein neues Bewusstsein \u00fcber die klassischen Dichotomien in der Plastik geschaf- fen, \u00fcber Innen\/Au\u00dfen, Leere\/F\u00fclle usw. Der wortw\u00f6rtlich zentrale wie auch formtreibende Bestandteil der Plastik, n\u00e4mlich der Atem, war einem Raumverst\u00e4ndnis gewichen, das zwar Best\u00e4ndigkeit erzeugt, deren Sta- tik allerdings Prozesse unterbricht und Grenzen zieht. Dem schlie\u00dft sich auch mein Interesse f\u00fcr all die Materialien an, die aufgrund ihrer thermischen, also atmenden Qualit\u00e4t mehr und mehr von Architektur und Design wahrgenommen (und als aktiv beschrieben) werden\u2026<br><br>In: Atem. Gestalterische, \u00f6kologische und soziale Dimension, Hrsg.: Linn Burchert, Iva Re\u0161tar, <em>Der Hauch einer Ahnung. Atem als formgebendes Material<\/em>, Friedrich Weltzien &amp; Anselmo Fox im Gespr\u00e4ch, S. 153 &#8211; 158,  Walter de Gruyter Berlin \/ Boston 2021, <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110701876\/html?lang=de\" class=\"ek-link\">Link<\/a><br><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AF: \u2026Ich habe in den fr\u00fchen 1990ern damit begonnen, Kauk\u00f6rper abzuformen. Kaugummiblasen sind oftmals sehr anf\u00e4llig. So war bereits beim Blasen der Kaugummis auf verschiedene Einfl\u00fcsse zu achten. Beispielsweise musste ich die Temperaturdifferenz zwischen K\u00f6rper und Au\u00dfen ber\u00fccksichtigen und auch gegen den Wind blasen, um mit hohem Druck m\u00f6glichst viel Material mit der Blase auszuatmen. 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