die Beatmung des Beatmeten

Die Beatmung des Beatmeten deutet sprachlich ein Beziehungsgeflecht an, das den Handlungsvorgang – die Beatmung – kausal mit seinem Erzeugnis – dem Beatmeten – in einem Schauplatz der Selbst- Produktion kurzschließt. Offenkundig richtet sich der ausgeführte Handlungsvorgang mit seinem Erzeugten synästhetisch an ein breiteres Spektrum der Sinne, die das Beatmen als Erzeugnis, als Verdinglichung erfahrbar machen

Die Beatmung des Beatmeten II, 1997–2016, 35 x 35 x 40 cm, Kaugummiblase, Vitrine, Druckluftsensor, Pumpsystem, Kühlaggregat
Foto: Astrid Ackermann

Das Erzeugte ist Ding und Bedingung zugleich. Um ein Design im herkömmlichen Sinne handelt es sich allerdings nicht, da mit dem Kaugummiblasen die Formgenerierung unentschieden bleibt und sich die Blase von den stofflichen Prozessen ihrer Umgebung weder löst noch emanzipiert. Das Beatmete ist die Spur eines Prozesses. Gernot Böhme beschreibt das Ding so, dass es nach den Eigenschaften seiner Bestimmungen gedacht wird. Danach werden Formen, Farben und Geruch als das gedacht, was das Ding von anderen unterscheidet, dieses nach Innen zu einer Einheit macht und nach Außen von anderen abgrenzt. Gernot Böhme kommt zum Schluss, dass das Ding in der Regel in seiner Verschlossenheit konzipiert wird (Vgl. Gernot Böhme, Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik, Berlin 2013, S. 32). Diese Auffassung verhilft dem Ding über die Sinne zu seiner Gegenwart, die es als Gegen- stand der Rezeption bestätigt.
Das Beatmete schließt sich da eher an Bruno Latours Verständnis des etymologischen Ursprungs des Wortes ‚Ding‘ an, den er in keltischen Flurnamen, Versammlungsorten, Institutionen und Gemeinschaftsstrukturen des deutschen und angelsächsischen Raumes fand (Vgl. Bruno Latour/Peter Weibel (Hg.), Making Things Public. Atmosphären der Demokratie, Ausst.-Kat. ZKM Karlsruhe, Cambridge 2005). Dieses kommunikative, den Austausch und die Gemeinschaft fördernde Moment findet sich auch in Die Beatmung des Beatmeten. Das Beatmete ist eine Gegenströmung zur Inspiration. Es motiviert sich nicht aus dem geniusgesteuerten und singularisierten Schöpfungsakt der Ausdrucksstrategien des Subjektes. Vielmehr drückt sich mit dem (Be-)Atmen der physiologische und lebenserhaltende Prozess wie auch die leibliche Erfahrung des Wechsels von Innen und Außen als Partizipation an der Atmosphäre und der Gemeinschaftsressource aus. So ist der formtreibende Atem in Die Beatmung des Beatmeten bereits in verdünnter Konzentration der Atem eines Unbekannten, vielleicht sogar eines Hundes.

Die Beatmung des Beatmeten II, 1997–2016, 35 x 35 x 40 cm, Kaugummiblase, Vitrine, Druckluftsensor, Pumpsystem, Kühlaggregat
Foto: Astrid Ackermann

Diese Überlegungen haben mich darin bestärkt, die Kaugummiblase in der Ausstellung dem Augenschein nach als Plastik zu zeigen, aber als Umwälzmaschine der Atmosphäre einzurichten. Faktisch sah das so aus, dass ich für die Kaugummiblase eine klimatisierte Umgebung in einer Holzvitrine mit Mehrfachverglasung einrichtete. Die Kaugummiblase war durch eine Injektionsnadel und einen daran anschließenden Schlauch mit dem Sensor- und Pumpsystem außer- halb der Vitrine verbunden. Minimalster Druckabfall innerhalb der Blase löste die Tätigkeit einer kleinen Pumpe aus, die Luft aus dem Ausstellungsraum in kaum wahrnehmbaren Dosen in die Kaugummiblase strömen ließ. Die flexible Kaugummiplastik wurde damit formal verlässlich und erfüllte gleichzeitig die Rezeptionsanforderungen an eine klassische Skulptur. Dem Wortsinn nach war sie aber auch subversiv, da sie das dichotomische Verständnis für die klassische Skulptur aktiv unter- lief bzw. unterströmte und die Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Inspiration und Rezeptionsraum auflöste. Erst durch das Supportsystem wurde die Kaugummiblase ein synästhetisches Phänomen.

Die visuelle Erfahrung wird buchstäblich durch eine Lungenmaschine und die Betrachtenden selber gestützt. Das Beatmete wird nicht nur als Ding, sondern durch die Spiegelfunktion des Sensor- Pumpsystems auch als Subjekthaftes identifiziert und reproduziert.
Mit der sicherlich etwas generösen Lesart des Wortes Subjekt-haft und der damit assoziierten Bedeutung von haften deute ich auf das Ineinanderwirken und die Untrennbarkeit dingontologischer und dichotomischer Verhältnisse von Subjekt und Objekt durch die dingliche Umarbeitung der Atmosphäre während des Beatmens einer (Kau-)Masse hin. Gernot Böhme schreibt in seinem Buch Atmosphäre:
„In der klassischen Dingontologie wird die Form eines Dinges als etwas Abgrenzendes und Einschließendes gedacht, nämlich dasjenige, was das Volumen des Dinges nach innen einschließt und nach außen abgrenzt. Die Form eines Dinges wirkt aber auch nach außen. Sie strahlt gewissermaßen in die Umgebung hinein, nimmt dem Raum um das Ding seine Homogenität, erfüllt ihn mit Spannungen und Bewegungssuggestionen. Ebenso die Ausdehnung oder das Volumen eines Dinges. Es wurde in der klassischen Dingontologie als die Eigenschaft des Dinges gedacht, ein bestimmtes Raumstück einzunehmen, sozusagen zu okkupieren und dem Eindringen anderer Dinge in diesen Raum Widerstand entgegenzusetzen.“ Link

Die Beatmung des Beatmeten II, 1997–2016, 35 x 35 x 40 cm, Detail, Kaugummiblase, Vitrine, Druckluftsensor, Pumpsystem, Kühlaggregat
Foto: Astrid Ackermann

In Die Beatmung des Beatmeten ist die Verdrängung das Formgebende und gleichzeitig die dingliche Ausdehnung der Atmosphäre in den Raum. Dabei hat die Ausdehnung in den Raum ein Maß, das sich mit dem Sensor-Pumpsystem nach der Strapazierfähigkeit der Masse richtet. Die Masse ist also das Maß des inspirierten Dinges. Das ist zuvor durch den in die Dehnbarkeit komprimierten Atem geprüft worden.
Das Überangebot an inszenierter sinnlicher Wahrnehmung rund um die Kaugummiblase lenkt immer wieder von ihrer inszenierten Ruhe und Leere ab. Wahrscheinlich war das auch der Auslöser, den Kunstjournalisten Paolo Bianchi, dazu verleitete, die Arbeit als traurig zu empfinden. Die Erinnerung an medizinische Notfallsituationen drängt sich vielleicht wegen der eingesetzten Apparaturen auf. Jedoch bildet die Arbeit gerade nicht das lebensbedrohliche Schicksal eines Menschen ab, sondern die Partizipation am Geatmeten, der Atmosphäre.

Die Beatmung des Beatmeten II, 1997–2016, 35 x 35 x 40 cm, Detail, Kaugummiblase, Vitrine, Druckluftsensor, Pumpsystem, Kühlaggregat
Foto: Astrid Ackermann

Die Teilhabe an Die Beatmung des Beatmeten durchkreuzt das Konzept der Betrachtung eines Dinges. Denn sie unterbricht die Distanzerfahrung, die mit der singulären Ausstellung des Beatmeten in einer Bijouterie-ähnlichen Vitrine mit Doppelverglasung und mit sichtbarer Klimaanlage als überprüfbarem Überwachungssystem eingerichtet wurde. Dieses Betriebssystem einer aria condizionata (bedingte Luft) schließt die Skulptur an eine Rezeptionsmethode an. Sowohl Atmen als auch Sehen erfahren eine Bewegungssuggestion, die in das Innere der Vitrine zum Beatmeten führt, dieses Mal aller- dings aus der Sicht der für die Allgemeinheit praktizierbaren Zugäng- lichkeit mittels Durchsicht und Pumpsystem. Insofern wirken Atmen und Sehen synästhetisch aufeinander ein.

Die Beatmung des Beatmeten II, 1997–2016, 35 x 35 x 40 cm, Kaugummiblase, Vitrine, Druckluftsensor, Pumpsystem, Kühlaggregat
Foto: Astrid Ackermann

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