la lingua della lingua III

La lingua della lingua Die hier umrissenen Unterschiede zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Zungen treten besonders deutlich zutage, wenn man eine der Bildserien namens la lingua della lingua des in Berlin und Lugano arbeitenden Künstlers Anselmo Fox betrachtet.  Der italienische Titel ließe sich wahlweise als ›Die Sprache der Zunge‹ oder ›Die Zunge der Sprache‹ oder ›Die Zunge der Zunge‹ oder ›Die Sprache der Sprache‹ übersetzen: Verwirrungen und Verwechslungen sind also gewissermaßen vorprogrammiert.

la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie

Auch die in diesen Serien portraitierten Menschen scheinen etwas verwechselt zu haben. Sie sind nach Art eines kriminalpolizeilichen Fahndungskatalogs jeweils zweimal abgebildet, einmal frontal von vorn, einmal um 90 Grad gedreht von der Seite, vor neutralem Hintergrund, was den Fotos einen nüchtern-sachlichen, ja bürokratischen Charakter verleiht. Konterkariert wird diese formale Sprödigkeit aber durch eine nicht zu ignorierende anatomische Besonderheit, Kennzeichen Z: Alle Portraitierten haben eine artfremde Zunge im Mund. Einem Mann hängt der wulstige Muskellappen einer Giraffe aus dem Mund. Eine Frau präsentiert, als wäre dies die selbstverständlichste Sache der Welt, die Zunge eines Flamingos. Auf weiteren Bildern sind die Zungen von Königsfisch, Python, Leopard und Schaf zu sehen, und zwar immer so, als handelte es sich um den ureigensten Körperteil des fotografierten Menschen: Die Zungenwurzel befindet sich unsichtbar in der Mundhöhle; der Zungenkörper lappt mittig über die Lippen, mal als ausladender Fleischteppich, mal als dezenter Zipfel.

la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie

Das formale Framing – Verbrecherkartei – sowie der mal ausdruckslos, mal resigniert wirkende Blick der Portraitierten legen nahe, dass es sich bei der fremden Zunge im Mund um eine bizarre Form der Bestrafung handeln könnte. Was, du hast die Schnauze zu weit aufgerissen? Oder hast mit gespaltener Zunge gesprochen? Na gut, dann stopfen wir dir eben das Maul – und zwar mit ebenjenem Organ, mit dem du dich schuldig gemacht hast. Die Tierzunge als Knebel. Oder wurde den Dargestellten die eigene Zunge entfernt und durch den tierischen Körperteil ersetzt? Haben sie eine einzige lingua im Mund oder zwei? Wie viele Zungen passen in einen Kopf?

la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie

Offene Fragen über offene Fragen, nur eines ist klar: Sprechen können die Portraitierten, ob sie nun verstümmelt sind oder ›nur‹ mit fremder Zunge geknebelt, sicher nicht mehr. Die Karteileichen von Anselmo Fox sind der ureigensten Fähigkeit und Funktion der menschlichen Zunge beraubt worden: Mit der Zunge eines Kalbs oder Kingfishs im Mund kann man keine Wörter artikulieren, und sei das Organ noch so fachmenschlich transplantiert worden. ›Die Zunge der Sprache‹? Zumindest diese Übersetzungsmöglichkeit für den Titel kann man getrost ausschließen.

Mahlzeit! Zu guter Letzt lösen die Fotos von La lingua della lingua, auch das lässt sich wohl verbindlich sagen, ein gewisses Ekelempfinden aus, oder wie es der Kulturtheoretiker Hartmut Böhme formuliert: ein Gefühl der »Widrigkeit«. Dieses Gefühl entstehe vor allem durch die »Gattungskreuzung, durch die Berührung zweier ebenso verwandter wie fremder, jedenfalls intimer Schleimhäute und schließlich durch die Begegnung von Lebendigem und Totem. Vegetarier wird es würgen; (…) in jedem Falle liegt die Assoziation an die Perversionen des Tier- Essens nahe«.

Nicht nur Vegetarier, ist man versucht hinzuzufügen: Unwillkürlich versetzt man sich als Betrachter in die Portraitierten hinein, imaginiert den Geschmack von rohem Muskelfleisch im Mund, die Textur und Temperatur eines erkalteten, papillenbesetzten Organs, stellt sich das so unwillkürliche wie unvermeidliche Zusammentreffen der eigenen Zungenspitze mit der abgeschnittenen Zungenwurzel eines anderen Wesens vor. Das Wissen, dass der Künstler die Zungenpräparate vor dem In-den-Mund-Nehmen mit Grappa imprägnierte, lindert dieses Gefühl der Widrigkeit nur wenig.

Mit freundlicher Genehmigung
Florian Werner, Die Zunge. Ein Portrait
© 2023 Hanser Berlin in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München

la lingua della lingua III, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie
la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie
la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie
la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie
la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie
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la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie
la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie
la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie
la lingua della lingua III, 2020, 36,4 x 26 cm, C-Print, aus der 14-teiligen Serie
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